Miriam R. Krüger – ein Aufschrei

Miriam R. Krüger – ein Aufschrei

15 mar. 2021
Auteur: Anastasia Chaguidouline

Anlässlich des diesjährigen Weltfrauentags wurde der Literaturmontag im Aalt Stadhaus in Differdingen von der Poetin und Künstlerin Miriam R. Krüger mit einer poetischen Performance bespielt. Miriam R. Krüger ist seit 2015 im Luxemburger Autorenlexikon vermerkt und hat 2019 Luxemburg beim Printemps des Poètes vertreten. Ihr Werk umfasst Poesie, poetische Performance, multimediale Projekte und visuelle Kunst, wie beispielsweise Installationen. Dabei kann ihr Schaffen stets wie eine auf andere Medien erweiterte Poesie verstanden werden. Der Kampf gegen die Gewalt gegenüber Frauen ist dabei das zentrale Thema, diesem Thema ist auch die Performance am 8. März 2021 in Differdingen gewidmet.

Ehe die eigentliche Performance beginnt werden Bilder von Frauen und Männern unterschiedlicher Herkunft und aus unterschiedlichen Berufszweigen gezeigt: KrankenpflegerInnen, Ärztinnen, SekretärInnen, KünstlerInnen, PoetInnen. Begleitet werden die Bilder von Aussagen zum Thema Frauenrechte in unterschiedlichen Sprachen, denn auch die Mehrsprachigkeit ist ein zentrales Element in Miriam R. Krügers Schaffen.

Dieses 2016 initiierte multimediale Projekt trägt den Titel « Tous unis dans le même cri » - « Alle vereint im gleichen Aufschrei ». Es unterstreicht die Wichtigkeit von Solidarität beim Thema Frauenrechte, unabhängig von Geschlecht oder Herkunft, eine Aufforderung die Miriam R. Krüger auch während ihrer Performance mehrmals unterstreicht.

« J’ai des choses à dire. Je me pose des questions. Je me réponds. J’entre en conflit avec moi-même. »
« Ich habe einige Sachen zu sagen. Ich stelle mir selbst Fragen. Ich antworte mir selbst. Ich trete in Konflikt mit mir selbst. »

© Nathalie Flenghi

Der Abend ist zweigeteilt: die Künstlerin beginnt mit einem Gedicht und verwandelt sich im Anschluss in ihre « Créature émotionelle », eine sich wandelnde Figur, in die Miriam R. Krüger immer wieder in ihren poetischen Performances hineinschlüpft. Vor und zwischen den zwei Hauptprogrammpunkten durchbricht die Künstlerin immer wieder die vierte Wand.

Sie wendet sich an die Zuschauer mit Ehrfurcht, Humor und Direktheit zugleich. Ihre etwas aufgesetzt wirkende, bescheidene Art, die Witze, die sie zwischendurch immer wieder macht, auch um die Atmosphäre aufzulockern, unterstreichen die Brisanz und den Ernst des Themas von Gewalt gegenüber Frauen und der Ungleichheit zwischen Mann und Frau umso mehr. „Ich habe das Gefühl, dass ich nicht alleine bin“, beginnt die Poetin den Abend und deutet unverzüglich darauf hin, dass man als Frau nicht alleine ist, dass Frauen, die Gewalt erleben, keine Einzelfälle sind, dass es leider viel zu viele leidende Frauen weltweit gibt.

Mit ihrem weißen Overall und großen Koffer versucht Krüger mithilfe einer einfachen Mise-en-Scène und Requisiten wie Tisch, Stuhl, Plastikrose, Spieluhr und Spiegel sich die Bühne, den Raum anzueignen. Etwas was Frauen fortwährend tun müssen um ernstgenommen zu werden. Sie will die Dringlichkeit dieser Problematik in jeder noch so kleinen und durchdachten Aussage und Geste vermitteln und betont immer wieder, wie unfassbar und gleichzeitig wichtig es ist, 2021 für die Gleichheit zwischen Männern und Frauen zu kämpfen.

© Nathalie Flenghi

In ihrem ersten Gedicht wendet sich Miriam R. Krüger an alle Frauen: „Ich bin hier für alle die nicht mehr hier sind, für alle die eine Anzeige erstatten wollten und denen gesagt wurde sie sollen nach Hause gehen.“ Sie spricht über die Ungleichheit am Arbeitsplatz, über häusliche Gewalt und das Gefühl des Gefangenseins, Probleme die während der Covid-19 Pandemie zugenommen haben. Sie spricht darüber, dass ein Dekolletee nicht gleich „Ja“ bedeutet, und sie wünscht sich ihrer Tochter sagen zu können, dass Liebe nicht umbringt. Sie will ihrem Sohn sagen können, dass Gewalt kein Kommunikationsmittel ist. Der vielschichtige und mehrsprachige Text ist durchzogen von Ausdrücken in Spanisch, ihrer Muttersprache.

Die Aktualität der Themen wird aufgegriffen durch die zitierten Hashtags, #heforshe#lesprincessesontdespoils oder auch #j’aipasditoui.

« Elle vivait pour le rendre heureux. Elle souffrait en silence. Elle mourrait à côté de lui. »
« Sie lebte, um ihn glücklich zu machen. Sie litt im Stillen. Sie starb an seiner Seite. »

Im zweiten Teil des Abends erzählt Miriam R. Krüger eine Liebesgeschichte, barfuß, in einem schwarzen Kleid. Die Geschichte, die mit Verliebtheit und rosaroter Brille anfängt, überzeugt durch ihre Banalität. Es ist eine Geschichte, die jeder Frau passieren könnte und vielen tatsächlich auch passiert. Was anfangs nach ewiger Liebe aussieht, verwandelt sich in einen Teufelskreis mit dramatischen Folgen. Vom Kampf mit der krankhaften Eifersucht, den Urteilen und Vorwürfen, der Kontrollsucht des Partners, hin zu der Hinnahme von Demütigungen und Schlägen rutscht die Protagonistin, die « Créature émotionelle », in eine Spirale des Selbstzweifels und der Verdrängung bis hin zur Gewalt gegen sich selbst. Sie fängt an ihrem Peiniger zu glauben, sie fürchtet, niemand würde sie ernst nehmen. Mit schwarzem Lippenstift markiert Krüger die tränenden Augen und aufgeschnittenen Pulsadern, die dabei nicht nach Maskerade aussehen.

Miriam R. Krüger beendet ihre Performance mit einem Hoffnungsschimmer. Die Protagonistin schafft es, sich zu öffnen und Hilfe zu suchen. Und wird dabei mit offenen Armen empfangen. Krüger zeigt, dass es Wege aus dem Schweigen und der Dunkelheit gibt, dass es immer und überall Menschen gibt, die helfen wollen und können. Sie schminkt sich ab und sie wird heilen. Genau die Hoffnung ist es, die es an einem Tag wie dem 8. März braucht. Hoffnung, dass es eben diesen Tag irgendwann nicht mehr brauchen wird, dass Frauen und Männer irgendwann gleich sind, dass die Gewalt gegen Frauen abnimmt, weil hier und heute alle gemeinsam, Frauen wie Männer, gegen Gewalt und Ungleichheit vereint sind.