33 Words About Design – “Es gibt kein russisches Design.“

33 Words About Design – “Es gibt kein russisches Design.“

02 avr. 2021
Auteur: Anastasia Chaguidouline

Design Friends & Luxembourg City Film Festival 2021

„Vor 105 Jahren hat das schwarze Quadrat von Kasimir Malewitsch die Welt, ihre Kunst und ihr Design verändert.“ (33 Words About Design)

Die diesjährige Filmvorführung von Design Friends im Rahmen des 11ten Luxembourg City Film Festival, „33 Words About Design“, war in vielen Hinsichten eine willkommene Überraschung. In diesem filmischen Almanach fügen sich unterschiedliche Perspektiven zu einem Bild, einer Art Momentaufnahme, eine Entdeckungsreise in die Welt des russischen Designs. Zum vierten Mal kooperieren Design Friends und das Luxembourg City Film Festival miteinander, mit dem Ziel, dem Publikum einen neuen und unerwarteten Aspekt des vielfältigen Designfeldes zu präsentieren.

Der Film von Natalya Klimchuk und Olga Morozova ist nicht nur eine sprachliche Herausforderung in seiner Originalversion – Russisch, mit englischen Untertiteln -, er behandelt auch ein Thema, welches vielen in Luxemburg und in Europa völlig fremd ist. Der Film zeigt uns eine Designwelt, wie sie auch ein fachkundiges Publikum in Luxemburg so noch nie gesehen hat.

Anhand von Interviews und Beiträgen von russischen Designern versuchen die Filmemacherinnen herauszufinden, was russisches, zeitgenössisches Design ausmacht. Die zentrale Frage „Was ist russisches Design?“ wurde an 33 Designer oder Designkollektivs, darunter Webdesigner, Grafiker, Animationsdesigner, Produktdesigner und nicht zuletzt Typografen gestellt, in einem Land welches sich bis vor Kurzem durch die Notion des post-Sowjetismus und somit post-Sowjetischen Designs definierte. Was aber unterscheidet das Russische vom Sowjetischen oder gar post-Sowjetischem Design?

Nicht zufällig wurde die Zahl 33 als Leitfaden für den Film gewählt: das kyrillische Alphabet hat 33 Zeichen. Die russische Schreibweise unterscheidet sich maßgeblich von der westlichen aufgrund dieses Alphabets, das sich mit dem vieler anderer slawischer Länder, wie z.B. Bulgarien, überschneidet. Es ist auch eines der Hauptmerkmale des russischen Designs. Die 33 unterschiedliche Antworten liefern ein Spektrum von Perspektiven in kurzen etwa zwei- bis zweieinhalbminütigen Videos, Interviews oder Abfolgen von Bildern. Es ist eben diese Diversität, die den 97-minütigen Film so spannend macht. Mal sind die Antworten konkret, mal wird die zentrale Frage grundsätzlich nicht beantwortet. Es ist eine Herausforderung, etwas so Ungreifbares wie die Ästhetik eines Landes zu definieren, zudem eines Landes mit einer solch turbulenten Geschichte.

© Bang Bang Education

„Es gibt kein russisches Design!“

Es gibt kein russisches Design!“, so lautet in regelmäßigen Abständen das Urteil. Andere Aussagen wiederum widersprechen diesem Stigma, welches vor allem auch in der westlichen Welt weit verbreitet ist. Die bewegte Geschichte dieses Landes hat einst die europäischen Avant-Garde hervorgebracht, gefolgt von einem Bruch und Aufbruch in die Moderne während der Sowjetunion. Diese Vergangenheit, auf die die post-sowjetischen Neunziger und die Digitalisierung folgten, prägt die Erzählweise des russischen Designs und seine Anpassungsfähigkeit.

Die kyrillische Schrift beispielsweise verändert sich stetig und passt sich den Eigenarten der einzelnen Sprachen an, da immer wieder neue Buchsstaben und Zeichen hinzukommen können. Russland wird oft als Land der Worte, der Sprache, des gedanklichen Tiefgangs beschrieben. Das Visuelle scheint fast zweitrangig, jedoch kritisieren einige Designer diesen Ansatz. Russisches Design wird als funktionelles, philosophisches, manchmal auch obskures Design empfunden. Die langen Winter werden zunehmend thematisiert, sie scheinen eine tragende Rolle im Designprozess zu spielen. Dazu kommen die einschränkenden Rahmenbedingungen, sei es das Budget oder das fehlende Interesse des Publikums.

Russisches Design mag verschachtelt sein wie eine Matroschka, es kann aber auch lakonisch, selbstlos, selbstleugnerisch, narrativ oder bedingungslos ehrlich daherkommen. Vielleicht ist russisches Design, wie es Sergey Kulinkovich, Art Director am Art. Lebedev Studio, zu bedenken gibt, ein Teenager, auf der Suche nach seiner Identität, seiner Stimme, seinem eigenen, einzigartigen Stil. Russisches Design steht im Bruch mit seinen Traditionen und erfindet sich dadurch selbst neu.

Mit seinen 33 ausdruckstarken Aussagen widerlegt „33 Words About Design“ erfolgreich die These der Inexistenz des russischen Designs und bringt dank seiner Ausstrahlung die Designwelt Russlands in fast greifbare Nähe zu Luxemburg.

© Bang Bang Education

Design Friends ist entstanden aus der Luxemburger Designer Vereinigung, mit dem Ziel, einen Austausch zwischen internationalen und nationalen Designern und Designinteressierten anzuregen. Ausgehend von einer Idee des Luxemburger Grafik Designers Silvano Vidale macht es sich der komplett auf Freiwilligenarbeit basierende Verein zur Aufgabe, die breite Öffentlichkeit an die Vielfalt der Designwelt heranzuführen und dabei auch das designaffine Publikum von jung bis alt immer wieder aufs Neue zu überraschen und zu begeistern. Ein weiteres Anliegen von Design Friends ist es, zu zeigen, dass Design über Grafikdesign oder Möbeldesign hinausgeht und so eine Informationslücke zu füllen.

Der Verein bringt dem Luxemburger Publikum die Vielschichtigkeit der Designwelt näher, via Konferenzen mit internationalen Gästen aus den verschiedensten Designbereichen (z.B. Food Design, Sound Design oder Duft (scent) Design), die ihre Geschichte und ihren ganz individuellen Werdegang mit dem hiesigen Publikum teilen. Die Konferenzen von Design Friends sind auch für Nicht-Mitglieder zugänglich.

Diese leidenschaftliche Vereinsarbeit wird unterstützt von langjährigen Partnern wie Mudam – Musée d'Art Moderne Grand-Duc Jean sowie auch vom Ministère de la Culture.

Vielen Dank an Anabel Witry, Präsidentin von Design Friends!

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