Échos Saisonniers

05 aoû. 2025
Échos Saisonniers
Ein Kreuzgang im Wandel der Jahreszeiten

Échos Saisonniers, Chantal Maquet © neimënster, Rui Henriques
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Foto: Echos Saisonniers, Chantal Maquet © neimënster, Rui Henriques

Die vier Jahreszeiten sind kein fernes Naturphänomen alter Tage: Es gibt sie immer noch. Das mag erstaunen, gelingt es uns doch immer besser, unbequeme Umwelteinflüsse von uns fernzuhalten. Nur, geht uns dabei auch etwas verloren, findet Chantal Maquet.

In ihrer neuen Ausstellung Échos Saisonniers verwandelt die Künstlerin den Kreuzgang der Abtei Neumünster in einen Schaukasten der Jahreszeiten. Im Fokus stehen aber keine kahlen Bäume und blühenden Sträucher, sondern Menschen im Wandel der Jahreszeiten. Maquet weckt Erinnerungen und stellt vergessene Bezüge wieder her. Sie will bewegen, draußen nach drinnen verlegen. Échos Saisonniers wird so zu einem versöhnlichen Angebot an die Naturfremden des 21. Jahrhunderts.

Échos Saisonniers, Chantal Maquet, Abtei Neimünster © Abtei Neumünster
Échos Saisonniers, Chantal Maquet, Abtei Neumünster © neimënster, Rui Henriques

Vom Dachboden auf die Leinwand

Bekannt ist Chantal Maquet für ihre bunte Reinterpretation alter Familienfotos, die sie auf dem Dachboden ihrer Eltern und auf den Flohmärkten dieser Welt findet. Die Fotos sind dem Alltag entnommen und zeigen etwa Menschen auf Familienfeiern, mit ihren tierischen Begleitern oder bei der Feldarbeit. Kaum jemand lächelt oder bringt sich körperbetont in Pose.

Die alten Fotos überträgt die luxemburgische Künstlerin mit dem Pinsel auf die Leinwand. Die Abbildungen wirken originalgetreu, sind aber Abstraktionen der historischen Originale. Chantal Maquet analysiert die sozialen Dynamiken hinter den abgelichteten Realitäten und macht die unsichtbaren Fäden sichtbar, die die Familienmitglieder, Kolleginnen und Kollegen, Freunde verbinden und trennen – oder es zumindest könnten. 

Die Zusammenhänge und Differenzen markiert die Künstlerin durch großflächige Einfärbungen, bei denen sie auf starke Komplementärkontraste setzt. Subjekte werden zu Gruppen zusammengefügt oder aus ihnen herausgehoben und isoliert. Mal rückt Maquet die Figuren in den Vordergrund, mal lässt sie sie mit dem Hintergrund verschmelzen. Intuitiv folgt der Blick des Betrachters dabei dem der Künstlerin.

Échos Saisonniers, Chantal Maquet, Abtei Neimünster © Abtei Neumünster
Échos Saisonniers, Chantal Maquet, Abtei Neumünster © neimënster, Rui Henriques

Hinter der auffälligen Farbgebung verstecken sich häufig kritische Bemerkungen. „Findet ihr das alle gut?“, fragt Chantal Maquet etwa in ihrer Bilderreihe #Päischtcroisière, in der sie sich die Lieblingskreuzfahrt der Luxemburger vorknüpft und das selbstdarstellerische Schauspiel der Passagiere behandelt: [Wovon] kann sie zu Hause erzählen, [wovon] kann sie zu Hause nicht erzählen? *

Ihre neueste Ausstellung bleibt in ihrer kritischen Haltung dem Gesamtwerk der Künstlerin treu, schlägt jedoch eine andere Richtung ein. Immer noch stehen Menschen im Fokus, dieses Mal aber in ihrer Beziehung zur Natur. 

Natur als Kulisse?

Wie man einen Apfelbaum pfropft oder warum man mit der Aussaat besser bis nach den Eisheiligen wartet, weiß heute so gut wie keiner mehr. So weit muss man aber gar nicht erst gehen. Auch andere Bezüge zur Natur seien uns vielerorts abhanden gekommen, meint Chantal Maquet.

Wir verkriechen uns hinter isolierten Wänden und brauchen uns – sieht man einmal von den saisonalen Reifenwechseln ab – nicht mehr groß auf den nahenden Winter vorzubereiten. Früher war das anders: Die Leute kannten klirrende Kälte und Versorgungsknappheit. Mit dem entbehrungsreichen Warten auf den Frühling von damals haben die Unannehmlichkeiten, die uns die kalte Jahreszeit heute bereitet, nur noch wenig gemeinsam. „Wichtig sind die natürlichen Einflüsse nur in den wenigen Minuten, die wir draußen verbringen“, so die Künstlerin. „In unserem Alltag spielt [die Natur] für die meisten von uns keine Rolle mehr.“ 

Échos Saisonniers, Chantal Maquet, Abtei Neimünster © Abtei Neumünster
Échos Saisonniers, Chantal Maquet, Abtei Neumünster © neimënster, Rui Henriques

Es stimmt, dass wir es gerne bequem und gleichbleibend mögen: 20°C Raumtemperatur im Sommer wie im Winter. Raus geht man nur bei 26°C aufwärts – außer bei Regen – und bei 35°C Außentemperatur ist Schluss. Draußen vor der Tür hingegen lauert der Kontrollverlust. 

Verkommt die Natur also zur bloßen Kulisse? Vermutlich nicht. Frühlingsgefühle greifen schließlich auch heute noch um sich und Sommerträume werden selbst dieser Tage noch geträumt. Es bleibt also Hoffnung – und hier schließt die Ausstellung der luxemburgischen Künstlerin an.

Vier Gänge, vier Jahreszeiten

Während ihrer Künstlerresidenz in Clervaux vor zwei Jahren lernte Chantal Maquet die Gartenarbeit aus erster Hand kennen. Sie fühlt sich inspiriert und widmet dem Garten im Rahmen der diesjährigen Luxemburgischen Gartenschau (LUGA) eine eigene Ausstellung. Im Kreuzgang der Abtei Neumünster wird er zu einem Dreh- und Angelpunkt, an dem sich Mensch und Natur über die Jahreszeiten hinweg in ganz unterschiedlichen Konfigurationen begegnen.

Der Arbeitstitel der Ausstellung erinnerte lange Zeit an Vivaldis berühmteste Werkreihe, wich aber rechtzeitig vor ihrer Eröffnung dem evokativen Titel Échos Saisonniers. Maquet arbeitet assoziativ und deutet die Jahreszeiten nur an. Man sieht Bilder von Menschen beim Pflügen und Ernten, Kinder, die den Eltern nacheifern, und Jugendliche, die ihren Sommer in vollen Zügen genießen. „Mir war klar, dass ich nicht einfach die Jahreszeiten durchdeklinieren wollte, indem ich zuerst einen Baum im Schnee male, dann einen im Frühjahr, Sommer und Herbst“, erklärt die Künstlerin. „Da gab es noch ungenutztes poetisches Potenzial.“

Échos Saisonniers, Chantal Maquet, Abtei Neimünster © Abtei Neumünster
Échos Saisonniers, Chantal Maquet, Abtei Neimünster © neimënster, Rui Henriques

Nicht die Motive markieren den Wechsel der Jahreszeiten, sondern Stimmungen und Emotionen, die Chantal Maquet durch „subjektiv gesetzte Farben“ zu vermitteln sucht. Chantal Maquet zieht den Vergleich zur Musik: „Eine einzelne Note ergibt noch keine Stimmung, aber wenn man einen Akkord spielt, dann erhält man etwas, was beschreib- und nachvollziehbar wird.“

Ergänzt wird die Ausstellung um eine interaktive Soundinstallation des Hamburger Musikers Days of Delay (Cyrus Ashrafi), die eigens für den Kreuzgang der ehemaligen Abtei produziert wurde. Atmosphärische Klangkulissen leiten die Besucherinnen und Besucher so von einer Jahreszeit in die nächste und machen die Ausstellung zu einem multisensorischen Erlebnis.

In Échos Saisonniers verarbeitet Chantal Maquet auf eindrucksvolle Weise Erinnerungen und Annekdoten, die von einer historisch engen Verflechtung von menschlicher Existenz und saisonalem Wandel zeugen. Der Vergleich zur Gegenwart drängt sich einem dabei förmlich auf und macht bewusst, was oft so unbemerkt an uns vorbeizieht – ein erster Schritt der Annäherung.

* Bezug auf die Werke davon kann sie zuhause erzählen und davon kann sie zuhause nicht erzählen aus der Ausstellung #Päischtcroisière.


Die Ausstellung Échos Saisonniers läuft noch bis zum 30. September 2025.

Auteurs

Ben Kraemer

Artistes

Chantal Maquet

Institutions

neimënster - Centre Culturel de Rencontre Abbaye de Neumünster
LUGA

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